Im Fach Germanistik

Dr. Günter Rinke 

Dr. Günter Rinke, Germanist, Begleiter der Studierendengruppen der Europa-Universität Flensburg, die in den Jahren 2012 und 2013 nach Ghana fuhren, veranstaltet Seminare über transkulturelle Literatur: im Rahmen des Lehrangebotes in der Germanistik an der EUF:

 

Bericht zum Seminar: „Afrikabilder in der neueren deutschen Literatur“ (Sommersemester 2014)

(Text: Günter Rinke, Layout: Nina Paarmann)

Obwohl Afrika kein bevorzugtes Thema der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist, existieren doch einige viel beachtete Erzählwerke, die diesen Kontinent zum Schauplatz machen. Der Beniner Germanist und Literaturwissenschaftler Constant Kpao Sarè hat ihnen eine Untersuchung gewidmet, die auf stilbildende Konzepte aufmerksam macht und mögliche Interpretationsansätze vermittelt. Dennn wir suchen nach Konzepten, wenn wir fiktionale Literatur lesen, sie sind es, durch die ein ‚Geschehen‛ zur ‚Geschichte‛ wird. Kpao Sarè nennt sechs Konzepte, die die zeitgenössische Afrika-Literatur prägen können: Grenzüberschreitung (‚going native‛), Hybridität (Mögllchkeit der kulturellen Mischform), Essentialismus (Überbetonung der Kulturdifferenz), ‚writing back‛ (Gegenlektüren), Kolonialrevisionsimus (‚menschlicherer‛ Kolonialismus) und Einfühlungsästhetik (Einnahme der Perspektive des Afrikaners). Nur selten wird Letzteres versucht, etwa in Alex Capus‛ Bestseller Eine Frage der Zeit in Gestalt des rätselhaften Massai Mkenge, der die seltsamen Handlungen der Weißen am Tanganikasee ironisch kommentiert. Uwe Timm spart in seinem Roman Morenga (über den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Herero und Nama) die afrikanische Perspektive bewusst aus, während Jugendbuchautoren unbefangener sind: Ein Referat brachte uns den Roman Hendrik Witbooi (1974) des DDR-Autors Martin Selber nahe, in dem durchweg die Perspektive des südwestafrikanischen Freiheitskämpfers eingenommen wird.
Lukas Bärfuss‛ erschütternder Roman Hundert Tage über den Genozid in Ruanda ist aus der Sicht des Schweizer Entwicklungshelfers David Hohl erzählt. ‚Going native‛ findet in all diesen Romanen statt, vor allem in Liebesbeziehungen zwischen Europäern und Afrikanerinnen, hingegen kommt Hybridität in diesen Werken nicht in Betracht, letztlich erscheint die Kulturdifferenz unüberbrückbar. Andererseits stellten wir fest, dass in guter Literatur auch von einem starren Essentialismus nicht die Rede sein kann. Gerade der äußerst sensible Umgang mit Kulturdifferenzen macht diese Texte aus, sie führen die Europäer an Grenzen, an denen ihre eigene scheinbar stabile Identität von Auflösung bedroht ist. Das gilt in hohem Maß für den Entwicklungshelfer David Hohl, der aus Abenteuerlust und Idealismus nach Ruanda gegangen ist, vor dem Schrecklichen nicht flieht, sondern es miterlebt und dabei Dinge tut, die er selbst kaum versteht (leider blieb für dieses Buch am Schluss des Semesters viel zuwenig Zeit). Das gilt auch für den Oberveterinär Gottschalk in Morenga, der ganz nah daran ist, sich den Nama anzuschließen, der aber letztlich begreift, dass es ein falsches Leben wäre.
Bei der Interpretation halfen die von Michael Hofmann in seiner Monographie Interkulturelle Literaturwissenschaft referierten „Modi des Fremderlebens‟, nach denen Fremdheit als Resonanzboden des Eigenen (I), als Gegenbild bzw. Negation (II), als Ergänzung (III) oder als Komplementarität (IV) erlebt werden kann. Die Erzählprozesse scheinen eher dazu zu tendieren, Fremdheit als nicht aneignungsfähig (II + IV) darzustellen, wobei eine Entwicklung von der Negation zur Komplementarität vorherrscht, aber auch Rückläufiges (Ruanda) möglich ist. Wichtig ist, dass Literatur per se „poetische Alterität‟ schafft, also Verfremdung ist, sodass Lesen als „Einübung in die Erfahrung von Alterität und Differenz‟ verstanden werden kann.
Es war nur konsequent, dass wir die afrikanische Perspektive durch die Lektüre zweier Kurzgeschichten (Civil Peace des Nigerianers Chinua Achebe und Certain Winds from the South der Ghanaerin Ama Ata Aidoo) einzunehmen und zu verstehen versuchten. Hinzu kam ein Referat über den großartigen Roman The Beautiful Ones are not yet Born von Ayi Kwei Armah, der im Ghana der späten Nkrumah-Zeit spielt.
All diese Texte sind weit entfernt vom romantisierenden Afrikabild („der Zauber Afrikas‟), das zeitgenössische Trivialfilme zu vermitteln suchen. Eine Sonderstellung nimmt Stefanie Zweigs autobiografisch geprägter Welterfolg Nirgendwo in Afrika ein, der erzähltechnisch nicht auf der Höhe der anderen Romane liegen mag, aber aus der Besonderheit eigenen Erlebens seine Authentizität bezieht. Buch und Film wurden ebenfalls in Referaten vorgestellt, desgleichen der von Kpao Sarè ausführlich gewürdigte Hermann Schulz mit seinem Roman Zurück nach Kilimatinde, der, ebenfalls aus eigenem Erleben des Autors, eine postkolonale Perspektive vermittelt, die Kpao Sarè allerdings durch eine zwar gut gemeinte, aber problematische „Poetik des Essentialismus‟ bestimmt sieht.

 

Goethe-Institut South Africa
Vom Goethe-Institut South Africa erreicht uns 2014 eine Nachricht über einen Info-blog zum Thema „Schreiben über Afrika“ sowie die folgende Ankündigung einer neuen Publikation, die einen Überblick über das Thema vermittelt:

„Schreiben über Afrika“
Die Goethe-Institute afrianischer Länder kooperieren eng mit Autoren und Autorinnen, die über Afrika schreiben, sowohl solche, die in Deutschland als auch solche, die in Afrika leben und/oder gelebt haben. Gerade in diesen literarischen Zeugnissen wird die Diversität der beiden Kulturen deutlich.
Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Goethe-Institute beschäftigen sich in einem Projekt damit, diese Publikationen über Afrika zu sammeln und zu präsentieren; Rezensionen vermitteln erste Eindrücke über die Werke, stellen ihre Inhalte vor und bewerten sie. Sie erleichtern daher den Zugang.
Der folgende Brief weist auf eine aktuelle Neuerscheinung hin:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir freuen uns auf die Vorstellung eines neuen Werkes in der Rubrik „Schreiben über Afrika“ auf unserer Webseite aufmerksam machen zu dürfen. „Schreiben über Afrika“ ist eine literarische Entdeckungsreise bei der deutschsprachiger Autoren, die sich mit Afrika beschäftigen, vorgestellt werden. Ihre Bücher sind von besonderer literarischer Qualität, haben einen hohen Informationsgehalt oder spiegeln ein typisches Bild Afrikas in der deutschsprachigen Literatur wider. Dazu finden Sie in unserem Internetangebot Inhaltsangaben, kritische Besprechungen und Autoreninfos.

Unser neuester Titel ist „Simbabwe, Agonie oder Aufbruch?“ von Andrea Jeska aus dem Jahr 2013.  Mit einem Kommentar von Ingrid Laurien versehen und in Deutsch, Englisch, Französisch und Portugiesisch verfügbar, ist die Buchbesprechung ab sofort abrufbar auf:

http://www.goethe.de/ins/za/prj/sua/deindex.htm.

Viel Spaß beim Lesen wünscht,

Sine Buthelezi  
Library & Information Centre
Goethe-Institut South Africa

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